Corona-Bekämpfung: UPDATE vom 22.08.2021

Corona  Zugelassene Impfstoffe / Nebenwirkungen:

 

Geht es um das Thema Impfungen, dominiert mittlerweile der Blick auf Verzögerungen, Nebenwirkungen und Komplikationen. Dabei fällt die Bilanz ziemlich erfreulich aus. 

Geht es um Impfungen gegen Sars-CoV-2, tauchen Begriffe auf, die verunsichern: Hirnvenenthrombose, Herzmuskelentzündung, allergischer Schock. Dabei gilt, dass Impfungen nur zugelassen und empfohlen werden, wenn der Nutzen den Schaden deutlich überwiegt. Fast vergessen ist das Frühjahr, als einer Medaillenwertung gleich die – durchweg hohe – Wirksamkeit der Vakzine verglichen wurde. Mit dem verengten Blick auf Komplikationen geraten die Erfolge der Impfkampagne leicht in den Hintergrund. Höchste Zeit für eine vorläufige Nutzen-Schaden-Bilanz, in der die Angaben leicht schwanken, weil die Datengrundlage der Studien nicht immer identisch ist. Die Größenordnung der Vor- und Nachteile wird allerdings trotz dieser Abweichungen deutlich.

Wirksamkeit

Eine aktuelle Analyse im Fachmagazin Molecular Therapy hat Daten von mehr als 194 000 Teilnehmern aus Zulassungsstudien für die Impfstoffe wie auch die seit Beginn der Impfkampagne gewonnenen Erkenntnisse („Real world data“) erfasst. Demnach liegt die Wirksamkeit der mRNA-Vakzine bei 94,29 Prozent. Für vektorbasierte Impfstoffe wie jene von Astra Zeneca und Johnson & Johnson liegt sie bei 79,5 Prozent. Bei Schwarzen, jungen Menschen und Männern wirken die Impfstoffe noch besser als unter Weißen, Älteren und Frauen. Konkret bedeuten 95 Prozent Wirksamkeit eine um 95 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, als Geimpfter an Covid-19 zu erkranken. Das RKI nennt das Beispiel von 20 Corona-Fällen je 1000 Personen in einer Gegend. Ist ein Teil der Bevölkerung geimpft, würden dort 20 von 1000 Ungeimpften erkranken, aber nur einer von 1000 Geimpften. „Wenn eine geimpfte Person mit dem Erreger in Kontakt kommt, wird sie also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkranken“, so das RKI.

Trotz der unterschiedlichen Zahlen zur Gesamtwirksamkeit hat sich gezeigt, dass die Vakzine zu etwa 85 Prozent vor schweren Verläufen mit Krankenhauseinweisung, Intensivstation oder Tod schützen – worauf es individuell wie für das Gesundheitssystem ankommt. Bereits im Januar hatte Impfexperte Lawrence Corey die richtige Bewertung eingefordert:

„Willst du ein Vakzin, das Husten verhindert oder das den Tod verhindert?“

Auch vor Virusvarianten schützen die Impfstoffe. Allerdings hat sich das Ziel der Herdenimmunität durch die größere Ansteckungsgefahr der Delta-Variante verändert: Hieß es im Winter, 65 bis 75 Prozent vollständig Geimpfte könnten ausreichen, ist derzeit von 80 oder 85 Prozent die Rede. In Deutschland ist unklar, wann und ob dieses Ziel erreicht wird, zumal Angaben über Impfquoten unzuverlässig sind. Weil für das digitale Impfquotenmonitoring, das den RKI-Zahlen zugrunde liegt, nicht alle Angaben vollständig gemacht werden, könnte die Quote der Erstimpfungen höher liegen als derzeit angegeben. Eine „gewisse Unsicherheit“ konstatiert das RKI, nachdem in Befragungen 79 Prozent der 18- bis 59-Jährigen angaben, eine Erstimpfung erhalten zu haben, dies laut Meldesystem aber nur 59 Prozent waren.

Dauer des Impfschutzes

Eine Untersuchung aus Israel mit 34 000 Teilnehmern zeigt, dass die Gefahr einer Infektion trotz vollständiger Impfung nach fünf Monaten zunimmt, besonders in der Altersgruppe über 60. In der Gruppe jener, deren Impfung keine fünf Monate zurücklag, kam es bei 1,1 Prozent der Probanden zur PCR-bewiesenen Infektion. War die Impfung länger her, lag die Quote positiver Tests bei 2,4 Prozent. Dass der Impfschutz nicht 100, sondern maximal 95 Prozent beträgt, war von den ersten Zulassungsstudien an klar.

Weitere Studien zeigen, dass die nach der Impfung gebildeten Antikörper weniger gut in der Lage sind, neue Varianten von Sars-Cov-2 im Labor zu neutralisieren. Was daraus folgt, ist unklar. Die Antikörper-Bestimmung ist nur eingeschränkt brauchbar, um das Ausmaß des Impfschutzes zu bewerten. Antikörper machen einen Teil der Immunabwehr aus. Die T-Zell-Antwort ist mindestens so wichtig. Sie lässt sich nicht so leicht in Labortests messen. Aus diesem Grund vermuten einige Forscher, dass der Schutz nach Impfung oder Infektion länger anhält und Diskussionen über eine dritte „Auffrischimpfung“ verfrüht sind.

Impfdurchbrüche

In Deutschland sind 47 Millionen Menschen vollständig geimpft – das RKI meldet bisher etwas mehr als 7000 Impfdurchbrüche, knapp 0,02 Prozent. Die Impfdurchbrüche führten auch in den gefährdeten Altersgruppen in Heimen vorwiegend zu milden Verläufen, womit die Wirksamkeit des Impfschutzes bestätigt wird. Gründe für Impfdurchbrüche könnten ein geschwächtes Immunsystem, nachlassende Impfwirkung oder Mutanten sein, die sich einer stärkeren Impfwirkung entziehen.

Sicherheit der Impfung

Leichte Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit und Kopfweh kommen nach zwei Drittel oder mehr der Impfungen vor, schwere Nebenwirkungen sind extrem selten. Die Datenbasis ist groß, neben Fachartikeln haben Arbeitsgruppen Daten aus dem Meldesystem VAERS ausgewertet, das von den US-Arzneimittel- und Seuchenschutzbehörden FDA und CDC betrieben wird und bei dem Ärzte, Vakzinhersteller und Laien Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen melden können.

Umgerechnet auf eine Million Impfdosen kommen demnach 21 bis 75 Thrombosen oder Embolien vor, eine Häufigkeit zwischen 1 zu 13 000 bis 1 zu 48 000. Sie wurden vermehrt nach Impfung mit dem Vakzin von Astra Zeneca beobachtet. Eine Entzündung des Herzmuskels (Myokarditis) oder Herzbeutels (Perikarditis) ist vermutlich seltener. Einige Forscher kommen verteilt über alle Altersgruppen auf zwei bis drei Fälle pro eine Million Impfungen, also eine Häufigkeit zwischen 1 zu 333 000 und 1 zu 500 000.

Überraschend traten Komplikationen und Nebenwirkungen in den während der Impfkampagne gewonnenen „Echte-Welt-Daten“ seltener auf als in den Zulassungsstudien.

Junge Menschen

Junge Menschen erkranken selten an Covid-19, noch seltener müssen sie deshalb im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden. Wegen dieses geringen Risikos durch eine Infektion ist die Sicherheit des Impfstoffs in dieser Altersgruppe besonders relevant. An Zulassungsstudien von Biontech/Pfizer haben 1131 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren teilgenommen, 537 waren es in der Altersgruppe zwischen 16 und 25 Jahren. In dieser Kohorte traten keine schweren Nebenwirkungen auf.

Unter den inzwischen 8,9 Millionen in den USA geimpften Jugendlichen und jungen Erwachsenen in dieser Altersspanne wurden 9246 Nebenwirkungen an das VAERS gemeldet, das entspricht einer Nebenwirkung auf 1000 Impfungen. Darunter waren zu 90 Prozent milde Verläufe, wie dem aktuellen Wochenreport der CDCzu entnehmen ist.

Im Juli hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA den Herstellern von mRNA-Vakzinen nahegelegt, in weiteren Studien eine größere Anzahl Kinder unter 16 Jahren aufzunehmen, weil seltene Nebenwirkungen in kleinen Studien nicht auffallen. In einer neuen Analyse im New England Journal of Medicine zeigt sich an 2489 Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren, die das Moderna-Vakzin erhielten, dass neben lokalen Schmerzen, Kopfweh und Erschöpfung keine schweren Nebenwirkungen auf die Impfung folgten. Ein Kind erlitt 21 Tage nach der zweiten Spritze einen allergischen Schock auf Nüsse, der nicht mit der Impfung in Verbindung steht. Eine Myokarditis trat nicht auf, „wurde bei einer geschätzten Häufigkeit von 13 Fällen pro eine Million Impfungen in der Studie auch nicht erwartet“, schreiben die Autoren.

Myokarditis

Im US-Meldesystem VAERS wurden bis Anfang August 1226 Fälle von Myokarditis nach einer mRNA-Impfung berichtet, davon traten 687 bei Geimpften unter 30 Jahren auf. Der kausale Zusammenhang ist unklar. Aus Rohdaten des Melderegisters ergibt sich, dass die größte – und dennoch geringe – Wahrscheinlichkeit für eine Herzmuskelentzündung in der Altersgruppe zwischen zwölf und 17 Jahren besteht, dort beträgt sie 62,8 Fälle pro eine Million Impfungen, das entspricht einer Myokarditis auf 16 000 Impfungen.

In einer Auswertung auf einem Preprint-Server, die Daten aus 48 Kliniken berücksichtigt, kommen Ärzte aus Cleveland auf die Quote von 450 Myokarditis-Fällen pro eine Million Impfungenin der Altersgruppe zwölf bis 17 Jahre, das entspricht 0,045 Prozent; Jungen waren häufiger betroffen als Mädchen. Die Ärzte betonen, dass „die Wahrscheinlichkeit, dass männliche Jugendliche nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 eine Myokarditis bekommen, sechsmal höher ist als nach einer Impfung“.

„Trotz des mit der Impfung assoziierten Myokarditis-Risikos überwiegt der Nutzen die Risiken auch bei Kindern und Heranwachsenden“, schreiben Kardiologen aus Harvard. „Die Impfung kann bei Jungen und Männern zwischen zwölf und 29 Jahren 11 000 Covid-Fälle, 560 Krankenhauseinweisungen, 138 Behandlungen auf Intensivstation und sechs Todesfälle verhindern – dem stehen 39 bis 47 zu erwartende Myokarditis-Fälle gegenüber.“

Kardiologen um Audrey Dionne haben 15 Verläufe von Kindern zwischen zwölf und 18 Jahren analysiert, die nach mRNA-Impfung wegen Myokarditis ins Krankenhaus mussten. Im Fachblatt Jama Cardiology zeigen sie, dass die Krankheit milde verlief. Kein Kind musste auf der Intensivstation behandelt werden, 14 der Kinder wiesen bald wieder eine normale Herzfunktion auf, auch wenn mögliche Langzeitfolgen nicht bewertet werden können.

Die Ärzte betonen die Milde des Verlaufs, denn eine Myokarditis kann viele Gründe haben; Dutzende Viren, aber auch Medikamente gehören dazu, starker Alkoholkonsum erhöht das Risiko ebenfalls. „Die milden Befunde unterscheiden sich von anderen Formen der Myokarditis, bei denen Rhythmusstörungen häufiger sind und 50 Prozent der Kinder auf der Intensivstation behandelt werden müssen“, schreiben die Herzexperten.

Schwangere und Stillende

Vergangenen Mittwoch hat die US-Seuchenschutzbehörde CDC die Impfung für Schwangere und Stillende empfohlen. Neue Sicherheitsdaten waren Anlass für die uneingeschränkte Empfehlung. In der Studie mit 2500 Schwangeren, die mRNA-Vakzine von Biontech oder Moderna bekommen hatten, wurde in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten festgestellt. Vorherige Studien hatten ähnliche Daten für die zweite Schwangerschaftshälfte erbracht. Zahlreiche Studien haben hingegen gezeigt, dass nach Infektion mit Sars-CoV-2 das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen und Fehlgeburten deutlich ansteigt. Die Stiko hat keine Empfehlung für Schwangere ausgesprochen, sich impfen zu lassen.

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